Dienstag, 10. Mai 2016

Killing Butterflies - M. Anjelais

Rezension zu "Killing Butterflies"
von M. Anjelais

Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Chicken House (21. Oktober 2014)
ISBN-13: 978-3551520715

Worum geht's?

Und ich merkte, dass ich diesen Jungen noch einmal sehen wollte, ehe er starb, dass ich ihn trotz allem, was er mir angetan hatte, noch ein letztes Mal sprechen wollte. Doch der Mensch, der mich verletzt hatte, und der großartige Junge waren ein und dieselbe Person, ein Paradox, genau wie die Gefühle, die sich in meiner Brust und Kehle breitmachten. Und das Nächste, woran ich dachte, war der Plan, der Lebensplan, den es gab und der nicht erfüllt war, und der Kloß in meinem Hals schwoll noch weiter an. (S. 64) 
Zwischen Sphinx und Cadence besteht seit ihrer Kindheit eine widersprüchliche Verbindung - sie sind die besten Freunde, und Sphinx bewundert den charismatischen Sohn der besten Freundin ihrer Mutter, doch sie steht auch im Schatten seiner vielen Talente. Und manchmal muss man geradezu Angst vor ihm haben. Eines Tages passiert es: Cadence verletzt sie. Bald darauf verschwinden er und seine Mutter aus Sphinx' Leben. Bis Jahre später ein Anruf kommt. Cadence ist todkrank - und sein einziger Wunsch ist, Sphinx noch einmal zu sehen ...

Was mich neugierig gemacht hat:


Ab und zu lese ich ganz gern mal realistische Jugendbücher und hier haben mich die Stichworte "Identitätssuche" und "Manipulation" hellhörig gemacht. Zwei gegensätzliche Menschen, deren Mütter schon vor ihrer Geburt über ihre gemeinsame Zukunft entschieden haben - das klang nach einem spannenden Konflikt, und ich war froh, mal wieder etwas Interessantes gefunden zu haben, mit dem keine neue Reihe begonnen wird.

Wie es mir gefallen hat:


"Killing Butterflies" war in vielerlei Hinsicht anders als erwartet. Gerechnet hatte ich mit einer mehr oder weniger komplizierten Coming-of-Age-Story, die Unterschiede zwischen Menschen und den Druck durch Erwartungen von außen thematisiert. Das eigentliche Thema hat mich dann relativ unvorbereitet erwischt: Soziopathie. Da ich mich noch nie zuvor näher damit befasst habe, hat mich das aber gleich sehr neugierig gemacht.

"Ich möchte einfach bloß für dich da sein", wiederholte ich und mein Blick wurde von seinen Augen in Bann gezogen. Es waren so sonderbare Augen. Es war, als ob sie aus drei Schichten bestünden: die erste eine Eisschicht, die zweite das normale Blau, das so sehr an Leigh erinnerte, und dann die dritte, eine flackernde Flamme, die außer Reichweite in seinem Kopf tanzte. Und diese Flamme wollte ich erreichen, sie verstehen. (S. 174 f.)

Der Reiz dieser Geschichte besteht für mich vor allem in Cadence' Krankheitsbild. Da er so weltfremd und manchmal auf eine kindliche Weise hilflos wirkt, unterschätzt man schnell, wie hochintelligent er ist. Immer wieder kommt man ins Grübeln: Wie mag Cadence empfinden? Welche Absichten hat er, was durchschaut er, was nicht?
Aus den Reaktionen der Menschen in seinem Umfeld geht deutlich hervor, dass auch diese sich ständig mit solchen Fragen konfrontiert sehen und kaum wissen, wie sie mit ihm umgehen sollen.

Ich schaute auf meine Handfläche, auf die dünnen Fäden, die plötzlich das Einzige waren, was meine Haut zusammenhielt, und ich fühlte mich schwach. Zerbrechlich. Und sterblich. Wenn du von einem auf den anderen Tag lebst und dich bloß wegduckst und allem ausweichst, was dir das Leben ins Gesicht schleudert, als stecktest du in einer extremen Art von kosmischen Völkerballspiel, dann merkst du gar nicht, dass du irgendwann flasch hinfallen könntest und womöglich nie wieder aufstehst. (S. 242 f.)

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Sphinx, was einen zweiten sehr schwierigen Charakter in die Geschichte bringt, durch dessen Augen wir die Vorgänge beobachten.
Sphinx ist ganz klar auf der Suche nach sich selbst, glaubt, Dinge über sich zu wissen und muss feststellen, dass sie vielleicht doch nicht in Stein gemeißelt sind. Der Plan ihrer und Cadence' Mutter gibt ihr einen gewissen Halt, auch wenn er abwegig ist.
Mir ist es sehr schwer gefallen, mich in Sphinx hineinzufühlen. Ihre seltsame Verbundenheit zu Cadence, der sie doch jederzeit verletzen kann, ist sehr komplex und schwer zu verstehen.
Auch im Sprachstil der Geschichte schlägt sich dies nieder - obwohl die Worte nicht hochtrabend gewählt sind, hat man das Gefühl, hinter den Formulierungen noch eine andere Ebene zu spüren, Banalitäten gewinnen ein Gewicht, das man nicht recht einschätzen kann.
Zu Beginn, als Sphinx aus ihrer Kindheit erzählt, dachte ich noch, es würde irgendwann einen Sprung in eine "aktivere" Erzählperspektive geben, doch ihr distanzierter Ton wird beibehalten.

Zum Ende hin baut sich eine merkwürdig düstere Spannung auf, und ich habe gemerkt, wie ich beim Lesen schneller geworden bin, wissen wollte, ob das scheinbar Unvermeidliche passieren würde.
So ist dieses Buch für mich insgesamt zu einem Widerspruch geworden, den ich so noch nicht erlebt habe: es übt eine seltsame Faszination auf den Leser aus, hält ihn aber zugleich in einer fassungslosen Beobachterrolle fest.

(Für wen) Lohnt es sich?


Ich denke, es lohnt sich für alle ab ca. 16, die gern realistische Jugendbücher mögen, in denen keine Heile-Welt-Mentalität herrscht. Außerdem sollte man sich auf einen etwas eigenwilligen Erzählstil einlassen können.
 

In einem Satz:


"Killing Butterflies" erzählt eine Geschichte mit Ecken und Kanten, die erschüttert, den Leser in sich hineinsaugt, aber in einigen Punkten auch ratlos und mit einem beklemmenden Gefühl zurücklässt.

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