Sonntag, 13. Oktober 2019

Worüber wir schweigen – Michaela Kastel

Hardcover, 320 Seiten
Emons Verlag (17. Oktober 2019)
ISBN: 9783740806439
Preis: 20,00 € / eBook 17,99 €
Standalone

Worum geht's?


„Du hast dich zwölf Jahre lang nicht blicken lassen. Nicht mal ein Anruf. Und dann erscheinst du auf einmal wieder auf der Bildfläche. Du musst schon zugeben, dass das merkwürdig ist."
„Ach, Mel", sage ich träge. „Kannst du dich nicht einfach freuen, dass wir wieder zusammen sind?"(S. 88)
Nach zwölf Jahren kehrt Nina in den Ort ihrer Kindheit zurück, im Gepäck einen düsteren Plan.
Seit damals hat sie Mel nicht mehr gesehen, die damals ihre beste Freundin war, und auch nicht Tobi aus der Nachbarschaft. Seit damals haben sie kein Wort darüber verloren, was mit Domi geschehen ist. Und genau das will Nina jetzt wissen: Was genau ist eigentlich geschehen? Denn sie hat einen schlimmen Verdacht ...

Was mich neugierig gemacht hat:


Ich mag Spannungsgeschichten, die sich mit menschlichen Abgründen und vor allem auch den Konflikten innerhalb von (ehemaligen) Freundeskreisen beschäftigen. Und natürlich verleitet der Titel zur Neugier: Worüber haben sie geschwiegen?

Wie es mir gefallen hat:


Schon das Cover kommt sehr geheimnisvoll daher. Schrift und Dornen schimmern je nach Lichteinfall in einem Blaugrün. Es wirkt düster, irgendwie auch ein bisschen steril.

Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven und auf mehreren Zeitebenen erzählt. Man muss also am Ball bleiben und sich ein wenig konzentrieren, um die einzelnen Szenen einordnen zu können. Zu Wort kommen Nina, Tobias und Ninas Vater Gregor, jeweils in der Ich-Perspektive.
Es gibt in diesem Buch keine „Wohlfühlcharaktere", alle haben ihre Geheimnisse, ihre Erinnerungen und ihre Probleme.
Von der ersten Seite an kann man miträtseln: Was glaubt Nina zu wissen? Warum ist sie gerade jetzt zurückgekehrt? Was hat sich in ihrer Familie abgespielt? Wie stehen Tobi und Mel zu ihr und zu dem Thema Domi?
Ich habe es sehr genossen, nach und nach immer mehr zu erfahren, bis sich am Ende ein Gesamtbild gezeigt hat.
Besonders spannend ist, wie die Charaktere umeinander herumtänzeln. Man spürt, wie viel zwischen ihnen schwelt und jederzeit zu einem katastrophalen Brand angefacht werden könnte.
Über einige Konflikte und Handlungsstränge, die im Buch eine Rolle spielen, hätte ich gern noch das eine oder andere Detail mehr erfahren. Einiges wird im Dunkeln gelassen.
Das Ende ist eindeutig ein Abschluss, gleichzeitig bleibt die Zukunft aber offen. Um sie hoffnungsvoll zu sehen, braucht man viel guten Willen - alles in allem gibt es viel Tragik und fast keine Hoffnung. 

Das Buch konnte mich fesseln und ich möchte auf jeden Fall mehr von der Autorin lesen.

(Für wen) Lohnt es sich?


Fans von Büchern, in denen die Thriller-Anteile sich auf das Innenleben der Figuren und die Spannungen zwischen ihnen konzentrieren, können hier einen absoluten Glücksgriff machen. Dafür ist es wenig actionlastig oder brutal.
Man könnte sagen, dass das Buch insgesamt eine ziemlich deprimierende Geschichte erzählt und wenig Raum für Lichtblicke lässt. Daher: Wer einen glücklichen Ausgang braucht, wird hier enttäuscht werden.
Übrigens durchaus auch interessant für ein jugendliches Publikum, da die Geschichte in die Teenie-Zeit von Nina und ihren Mitschülern/-innen zurückgeht.

In einem Satz:


„Worüber wir schweigen" ist ein geschickt konzipierter Psychothriller, in dem sich die Spannung zwischen den alles andere als unkomplizierten Charakteren ballt und die Wahrheit sich Puzzleteil für Puzzleteil zusammensetzt.

Sonntag, 6. Oktober 2019

Die Arena (Cirque 1) – Hayley Barker

Grausame Spiele 


Hardcover, 480 Seiten 
Wunderlich (17. September 2019)
ISBN: 9783805200486
Preis: 18,00 € /eBook 9,99 €
Originaltitel: Show Stopper
Band 1 von 2

Worum geht's?

Wir leiden mit jedem Tod. Es wir niemals leichter, das sollte es auch nicht. Wir werden niemals, niemals gleichgültig werden. Wir werden niemals zulassen, dass sie uns unsere Menschlichkeit nehmen, weil ihre bereits vor langer Zeit gestorben ist. (S. 177)
Ben ist ein Pure, privilegiert aufgewachsen, der Mustersohn von Vivian Baines, die sich der Vernichtung der Dregs verschrieben hat, dem Abschaum aus den Slums, der es nicht wert ist, am Leben gelassen zu werden.
Als der berühmte Zirkus von Silvio Sabatini in die Stadt kommt, überredet Ben seine Familie, dorthin zu gehen. Und dieser Besuch soll sein ganzes Leben verändern ...

Hoshiko ist Die Katze, die beste Hochseilartistin des Zirkus'. Jeden Abend setzt sie ihr Leben in der Arena aufs Spiel, denn die Dregs, die hier auftreten werden in keiner Weise gesichert. Im Gegenteil: Das Publikum feiert nichts mehr als den Tod der Darsteller.
An diesem Abend will Silvio sie stürzen sehen. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass jemand sie auffangen würde ...

Was mich neugierig gemacht hat:


Teils ist das klassische Panem-Dystopien-Muster ja schon etwas ausgelaugt, aber dieses Buch bringt mit dem Zirkus-Setting noch mal neuen Wind ins Genre. Da ich die Atmosphäre der Artisten-Welt immer gern mag - auch wenn es sich in diesem Fall um einen sehr grausamen Zirkus handelt - wollte ich es gern lesen.

    Wie es mir gefallen hat:


    Dieses Buch lässt sich sehr schnell lesen und hat mich insgesamt sehr gut unterhalten. Und am Abend des „Spuktakels", der großen Halloween-Vorstellung, ist doch tatsächlich eine echte Spinne quer über die Seite gekrabbelt!
    Es ist ein finsterer Weltentwurf, den Hayley Barker hier vorlegt, der Zirkus wirft noch einen zusätzlich düsteren Glanz darauf. Manches ist sehr brutal, vergleichbar mit der Panem-Trilogie. Man muss wirklich um jedes Leben bangen.

    Ben und Hoshiko kommen abwechselnd in der Ich-Perspektive zu Wort. Hoshiko ist ein vielschichtiger Charakter, sie trägt viel Wut, aber auch Verzweiflung in sich und tut alles für die Menschen, die sie liebt. Ben erscheint dagegen etwas blass. Sein Widerstand gegen die Normen seiner Kindheit kommt sehr plötzlich (auch wenn es gute Auslöser dafür gibt), verläuft etwas zu glatt und scheint zu einem großen Teil an Hoshikos Person zu hängen. Ben wirkt jünger, als er sein soll, was zum Teil aber auch der Tatsache geschuldet sein mag, dass er überbehütet wurde.

    Ich hätte es schöner gefunden, wenn die Liebesgeschichte sich erst in der Fortsetzung entwickelt hätte. Dass Ben und Hoshiko sofort eine besondere Verbindung zueinander spüren, kann man ja noch gelten lassen, aber diese unendliche Liebe nach wenigen Begegnungen und Hoshikos anfänglicher Abneigung ist etwas zu viel. Allerdings befinden die beiden sich natürlich auch in einer Ausnahmesituation und könnten einander sofort wieder verlieren.

    Im letzten Teil des Buches fand ich ein paar Dinge nicht ganz glaubwürdig (zum Beispiel, wie auf der Flucht auf Leben und Tod noch genug Zeit ist, um herumzualbern, oder wie Vorkehrungen getroffen werden, um wertvolle Minuten zu gewinnen, die selbst aber viel länger dauern).
    Am Ende bin ich ein bisschen unsicher, ob es wohl spannend oder klischeehaft weitergehen wird. Ich brauche den zweiten Band vielleicht nicht jetzt sofort, bin aber grundsätzlich neugierig darauf.

    (Für wen) Lohnt es sich?


    Alle Fans für Dystopien, die Schreckensszenarien abbilden, was Menschen einander antun können, gleichzeitig aber auch die unauslöschliche Präsenz der Liebe zeigen, sollten sich diesen Auftakt nicht entgehen lassen.
    Es besteht allerdings ein recht starker Kontrast zwischen den eher kindlichen Protagonisten und der Brutalität in der Geschichte. Daher würde ich die Reihe erst ab 14 Jahren empfehlen.

    In einem Satz:


    „Die Arena - Gefährliche Spiele" ist ein temporeicher Auftakt mit einem detailliert erdachten grausamen Zirkus als Hauptschauplatz; nur die Liebesgeschichte vermag nicht ganz zu überzeugen.

    Sonntag, 29. September 2019

    Der Zufall, das Schicksal und ich – Moriah McStay

    Broschiert, 336 Seiten 
    dtv Verlagsgesellschaft (23. August 2019)
    ISBN: 9783423740456
    Preis: 14,95 € / eBook 11,99 €
    Originaltitel: Everything that makes you
    Standalone

    Worum geht's?


    „(...) Lass es nicht ungenutzt."
    „Lass
    was nicht ungenutzt?", flüsterte sie.
    Er sah sie lange an. „Alles, was dich ausmacht."
    (S. 290)
     Ein Mädchen, zwei verschiedene Lebensverläufe:

    Fiona Doyle hat seit ihrer Kindheit ein zur Hälfte vernarbtes Gesicht. Einer der Hauptgründe dafür, dass sie versucht, möglichst keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Songtexte, mit denen sie ganze Notizbücher füllt, traut sie sich mit niemandem zu teilen. Und ihr Schwarm Trent ist unerreichbar für sie. Als sich eine neue Möglichkeit bietet, sich „instand setzen zu lassen", ist die Entscheidung für oder gegen den Eingriff dennoch alles andere als leicht ...

    Fi Doyle ist die beste Lacrosse-Spielerin an ihrer Schule und träumt davon, Teil einer der erfolgreichsten Lacrosse-Collegemannschaften des Landes zu werden. Mit ihrem besten Freund Trent liegen die Dinge gerade etwas kompliziert. Doch dann passiert ein Unfall. Der über Umwege dazu führt, dass sie Marcus King kennenlernt. Und er stellt ihr Leben in jeder Hinsicht auf den Kopf ...

    Was mich neugierig gemacht hat:


    Mir hat die Idee, die Geschichte desselben Mädchens in zwei unterschiedlichen Varianten zu erzählen, sofort sehr gut gefallen. Ich war gespannt, in welchen Punkten sich die beiden Lebensläufe unterscheiden und ob die Autorin in irgendeiner Weise werten würde, in welcher der Versionen Fiona alias Fi glücklicher ist.

    Wie es mir gefallen hat:


    Die Geschichte ist ein wenig anders aufgebaut, als ich erwartet hatte. Zum einen gibt es sehr viele Zeitsprünge, sodass man die beiden Versionen der Protagonistin von der Schul- bis in die Collegezeit hinein begleitet. Das ist geschickt gemacht, da so längerfristige Entwicklungen dargestellt werden können. Zum anderen war ich irgendwie davon ausgegangen, Fiona würde sich am Ende für eines der beiden Leben entscheiden müssen. In Wahrheit laufen die beiden Stränge jedoch einfach parallel und erhalten auch jeweils ihr eigenes Ende. Dass die Autorin sie nebeneinanderstehen lässt und somit weder Fiona noch Fi den Vorzug gibt, hat mich positiv überrascht.

    Die Abschnitte über Fiona und Fi wechseln sich ab (in 3. Person geschrieben). Die meiste Zeit über konnte ich sie gut voneinander trennen; es gab aber auch Passagen, in denen ich ein wenig durcheinandergekommen bin, weil die Nebencharaktere in beiden Strängen dieselben sind (oder besser gesagt: die gleichen, denn auch ihr Leben ist natürlich mit Fiona oder Fi darin jeweils anders verlaufen). Zu sehen, wie die Rollen von Trent, den King-Brüdern Marcus und Jackson sowie auch Fionas/Fis restlichem Familien- und Freundeskreis durch die unterschiedlichen Ereignisse verschoben wurden, ist faszinierend.

    Eine Schwäche des Buches ist, dass leider kaum Emotionen vermittelt werden, obwohl einige der Themen dafür wirklich sehr viel Raum geboten hätten. Zudem gibt es einige Szenen, die einfach sehr banal sind, ausführliche Smalltalk-Dialoge und Ähnliches.
    Dass man so viel Alltag von Fiona und Fi mitbekommt, in dem nichts Großartiges passiert, kann zwischenzeitlich für Langeweile sorgen; im Nachhinein finde ich es aber gar nicht so schlecht, weil es auch für eine starke Authenzität sorgt. Zum Konzept des Buches passt das sehr gut, denn es zeigt, dass sowohl Fiona als auch Fi ein ganz gewöhnlicher Mensch ist, wie jede/r der Leser*innen.

    Gestört hat mich inhaltlich ein Punkt, den ich zumindest kurz erwähnen möchte, weil ich das für ein Jugendbuch sehr schade finde: Fiona führt eine Zeit lang eine Beziehung, die ihr vollkommen gleichgültig ist, praktisch nur dem Jungen zuliebe. Sie sitzt das einfach aus, verletzt ihn und erklärt sich ihm bis zum Schluss nie. Dieser Konflikt hätte Potenzial gehabt, aber so verhält sie sich einfach unreflektiert.

    Die Übersetzung hapert leider stellenweise ein wenig. So ist zum Beispiel einmal von „Dates" die Rede, als im Original die Wortbedeutung „Datum" gemeint gewesen sein muss, oder ein Moment, der besonders romantisch wirken sollte, irritiert eher, weil ein „heißer Sommerhimmel" erwähnt wird.
    Die Songtexte von Fiona hätten lieber gar nicht übersetzt werden sollen, da hätte man das Englische der Zielgruppe mit Sicherheit zutrauen können und es hätte einfach besser gepasst.

    (Für wen) Lohnt es sich?


    Wer Bücher auch dann gern liest, wenn das Erzähltempo eher langsam ist und keine weltbewegenden, dafür aber realistische und alltägliche Dinge passieren, sollte dem Buch eine Chance geben. Die Thematik hat es nämlich in sich.
    Allerdings finde ich den Ladenpreis etwas zu hoch angesetzt, 10 € oder maximal 12 € wären angemessener gewesen.

    In einem Satz:


    Trotz der leider eher zähen Umsetzung, in der die emotionalen Themen ihr Potenzial nicht voll entfalten können, ist „Der Zufall, das Schicksal und ich" ein Buch mit einer großartigen Grundidee, die einen während und nach dem Lesen weiterdenken lässt.

    Donnerstag, 12. September 2019

    Malerische Sommerprojekte 2019

    "Rahrbacher Koog", Abtön- und Fassadenfarbe auf Beton, ca. 8 x 2.5 , Kirchhundem-Rahrbach, 2019
    Ihr Lieben!

    Es ist einige Zeit her, dass ich eine "künstlerische" Arbeit von mir hier vorgestellt habe. Tatsächlich bin ich in dieser Blog-Pause nicht untätig gewesen. Ich habe in diesem Sommer meine Bachelorarbeit geschrieben (Soziologie) und bin umgezogen, um ein ganz spezielles Handwerk zu erlernen - die Bühnenmalerei. So bin jetzt nun nicht mehr Studentin, sondern Auszubildende ;)

    Während der vergangenen Monate habe ich jedoch auch einige Projekte in Angriff nehmen können, darunter die Betonwand, die ihr oben im Finalzustand sehen könnt, und einen weiteren Stromkasten.
    Die Mauer ist bisher mein größtes öffentliches "Kunstwerk" und wird dies wohl auch vorerst bleiben (aber man weiß nie, was kommt...).


    Die Gestaltung der Mauer ist in Absprache mit dem Ortsvorsteher erfolgt. Auch beim Stromkasten (Standort Friedhof) habe ich mich malerisch in die gewünschte Richtung bewegt.


    Wenn ich die Zeit finde, werde ich demächst weitere Sachen hochladen, habe da doch einiges an Zeichnungen und Malereien, was ich euch noch zeigen könnte...

    Ich nehme auch gerne Fragen und Anregungen entgegen :)

    Bis dahin eine gute Zeit!


    Miriam


    Abtön- und Fassadenfarbe auf Stromkasten (Telekom), Welschen Ennest, 2019
     

    Sonntag, 1. September 2019

    Romane schreiben – Gustav Ernst & Karin Fleischanderl

    Geschichten entwickeln, Figuren zeichnen, Stil finden


    Hardcover, 192 Seiten
    Haymon Verlag (25. Juli 2019)
    ISBN: 9783709934746
    Preis: 19,90 € / eBook 14,99 €

    Worum geht's?


    Dieser Schreibratgeber beschäftigt sich mit folgenden Fragen (aus dem Verlagstext entnommen):
    • Wie plane ich meinen Roman?
    • Worauf muss ich bei der Erzählperspektive achten?
    • Wie baue ich Handlung und Spannung auf?
    • Wie gelingen mir lebendige Dialoge?
    • Wie finde ich meinen individuellen Schreibstil?
    • Wie bringe ich das Schreiben in meinem stressigen Berufsleben und Familienalltag unter?
    • Wie werde ich endlich meine Schreibblockade los?

    Wie es mir gefallen hat:


    Mein Ziel war es, mit diesem Ratgeber noch mal das eine oder andere aufzufrischen beziehungsweise in Bezug auf meine eigenen Texte zu reflektieren. Diese Erwartung hat sich zumindest teilweise erfüllt: Gerade das Kapitel zur Dramaturgie fand ich zu diesem Zweck hilfreich (auch wenn der Ratschlag, die entsprechenden Regeln beim Schreiben selbst nicht zu sehr präsent zu haben, auf jeden Fall wichtig ist).
    Davon abgesehen habe ich aber festgestellt, dass es wirklich um absolute Grundkenntnisse geht, die teilweise dennoch überflüssig erscheinen. Einiges müsste längst selbstverständlich sein, wenn man sich auch nur ein bisschen für das Schreiben interessiert (z. B. die Passagen über schlechtes Deutsch oder die korrekten Zeitformen). Wer dieses Handwerk nicht mal ansatzweise beherrscht, wird noch einen weiten Weg vor sich haben bis zu einem auch nur halbwegs gut lesbaren Roman. 

    Das Wissen wird in sehr gebündelter und zudem nüchterner Form präsentiert; zudem entsteht an vielen Stellen der Eindruck, dass sich das Buch vordergründig an Verfasser*innen anspruchsvoller Literatur richtet. 
    Leider muss ich auch sagen, dass ich als Autorin mit inzwischen immerhin vier Verlagsveröffentlichungen einige der getroffenen Aussagen nicht bestätigen kann. Man muss dem Autorenduo allerdings zugutehalten, dass sie selbst feststellen, dass sich fast für jeden geschilderten Fall ein Gegenbeispiel finden lassen kann. Doch auch einige der allgemeinen Dinge sehe ich persönlich ganz anders. 
    Aufgefallen ist mir auch, dass bei dem Abschnitt zur Erzählperspektive nicht auf die Ansätze/Begrifflichkeiten der aktuellen Narratologie, sondern das alte Schulmuster personal/auktorial/Ich-Erzähler/verschwundener Erzähler zurückgegriffen wird.

    Schade ist, dass die Informationen zum Buchmarkt, zu Literaturagenturen und der Verlagssuche so knapp und ausschnitthaft gehalten sind. Auch zum Zeitmanagement beim Schreiben wird leider kaum etwas gesagt. 
    Für österreichische Autoren/*innen könnte interessant sein, dass die Besonderheiten ihres nationalen Marktes Erwähnung finden.

    Angesichts der inhaltlichen Lücken und der teils nicht ganz optimalen Umsetzung halte ich den Preis des Buches für zu hoch angesetzt. 

    (Für wen) Lohnt es sich?


    Schreibanfänger*innen oder Leser*innen, die sich gezielt mit bestimmten Aspekten wie Dramaturgischem oder Dialoggestaltung auseinandersetzen wollen, gibt das Buch ein paar solide Grundkenntnisse an die Hand. Für Fortgeschrittene erscheint vieles eher banal oder zu einschränkend.

    In einem Satz:


    Wer sich überhaupt nicht mit dem Schreiben und der Buchbranche auskennt, kann hier ein paar erste sachlich vermittelte Eindrücke gewinnen und kleinere Wissenslücken schließen; insgesamt erscheint vieles jedoch sehr einseitig und heruntergebrochen sowie wenig motivierend.

    Freitag, 2. August 2019

    wild und frei - Jess Connolly & Hayley Morgan

    Du bist nie zu viel und immer genug

    Taschenbuch, 296 Seiten
    Fontis (21. Februar 2019)
    ISBN: 9783038481690
    Preis: 16,00 € 

    Worum geht's?

     

    Eine wilde Frau ist dankbar für die Zeit, die ihr auf dieser Welt geschenkt ist, aber sie weiß auch um ihre Endlichkeit. Alles, was sie will, ist, so weit mit Gott zu gehen, wie er es zulässt. So weit, wie er sie tragen will. (S. 169)
    Niemandem unterworfen, von niemandem manipulierbar, vollkommen unabhängig – so ist Gott. Freier und leidenschaftlicher als er ist niemand und liebt niemand. Seine Natur ist von Grund auf wild und unsagbar frei. Wir nennen ihn „Vater" und sind damit Töchter des Herrschers des Universums, erschaffen nach seinem Ebenbild. Und doch führen lähmender Perfektionismus, familiäre und kulturelle Erwartungen und die Erlebnisse der Vergangenheit dazu, dass viele Frauen sich weder wild noch frei fühlen – sondern vielmehr „zu viel" und "nicht genug".
    Im Herzen so mancher Frau herrscht die Angst, die eigenen Träume und Sehnsüchte könnten das Limit sprengen oder man sei nicht gut genug, sie in die Tat umzusetzen.
     So erging es auch den Autorinnen und besten Freundinnen Jess Connolly und Hayley Morgan. Bis sie sich fragten:
    Wenn Gott wild und frei ist und er Frauen nach seinem Vorbild erschaffen hat, dann muss das doch etwas für uns Frauen bedeuten?!

    „wild und frei" ist nicht nur Ermutigung, sondern auch Herausforderung, so mutig und unbelastet zu leben, wie Gott es von Anfang an für uns vorgesehen hat. Denn für Gott sind wir niemals zu viel und waren schon immer genug.

    (Klappentext des Verlags)

    Wie es mir gefallen hat:


    Dieses Buch ist nicht nur wunderschön gestaltet, sondern hat es auch inhaltlich in sich. 
    Im Wechsel schreiben die Autorinnen Jess und Hayley über Wild- und Freiheit, wobei Ersteres mit dem Gefühl, zu viel zu sein, Letzteres mit dem, nicht gut genug zu sein, in Bezug gesetzt wird.
    Am Ende jeden Kapitels gibt es noch ein passendes Gebet und die Anmerkungen der jeweils anderen Autorin zum Gesagten.

    Die Gedanken werden sehr abwechslungsreich präsentiert: Sowohl persönliche Erlebnisse (hier hätte ich es hilfreich gefunden, wenn der Name der Autorin mit auf jeder Seite gestanden hätte, da ich manchmal vergessen habe, wer gerade „dran" ist) und Aufzählungen verschiedener Typen/Verhaltensmuster als auch Bibeltexte, Befragungen anderer Frauen, anschauliche Vergleiche, (Lied-)Zitate und Definitionsversuche sperriger Begriffe (z. B. Ehre, Sanftmütigkeit, Toleranz) unterfüttern die Kernaussage des Buches:
    Wir Frauen dürfen wild und frei sein, ohne uns dabei Limitierungen von der Welt aufdrücken zu lassen.

    Es geht um Gottes Wesen, um die eigene Identität in ihm, um das Zwischenmenschliche und dabei das Miteinander mit anderen Frauen im Speziellen, um Erwartungsdruck, um die Gefahren eines defensiven Lebens und die Gründe, warum so viele es dennoch vorziehen, und um vieles mehr.
    In ein paar kleineren Punkten mag ich anderer Meinung sein als Jess und/oder Hayley oder mir noch einen Aspekte mehr gewünscht haben, doch im Großen und Ganzen hat mich das Buch sehr begeistert.

    (Für wen) Lohnt es sich?


    Sehr! Es ist ein wertvoller Ratgeber und Blickwinkeleröffner für Frauen jeden Alters und in jeder Lebenssituation.

    In einem Satz:

    Lebensnah, authentisch, überaus inspirierend und Energie versprühend - so habe ich dieses wunderbare Buch empfunden und hoffe, dass es noch viele weitere Frauen berühren und bewegen wird.


    Sonntag, 21. Juli 2019

    Fitz Fups muss weg - Lissa Evans


    Hardcover, 320 Seiten
    mixtvision (13. Februar 2019)
    ISBN: 9783958541191
    Preis: 15,00 €
    ab 9 Jahre
    Standalone 

     

    Worum geht's?


    Auf mysteriöse Weise landet Phine im Land der mülltonnenförmigen, reimenden Wimblis, das sie nur zu gut aus dem Lieblingsbuch ihrer kleinen Schwester Minnie kennt. Und auch ihren überängstlichen und -behüteten Cousin Graham hat es dorthin verschlagen! Wie sollen sie nur wieder nach Hause kommen? Mit Hilfe einer sprechenden Plastikkarotte auf Rädern und einer beschwingten Elefantendame machen sie sich daran, eine Prophezeiung zu enträtseln. Eins wird dabei schnell klar: Fitz Fups, der fiese Herrscher, der sich den Thron der Wimblis geschnappt hat und Minnies Lieblingskuscheltier auffällig ähnlich sieht, muss weg, besser früher als später.

    Was mich neugierig gemacht hat:


    Obwohl ich mich für jedes Frühjahr- und Herbstprogramm durch so viele Vorschauen und Neuerscheinungslisten wühle, kommt es immer mal wieder vor, dass ich ganz spontan auf ein Buch stoße, das ich noch nicht entdeckt habe und das absolut großartig klingt. So ging es mir auch mit „Fitz Fups muss weg". Ich habe es durch eine vom Verlag gestartete Leserunde entdeckt und dank der Gestaltung, des Titels und dem Vergleich mit „Alice im Wunderland" sofort angebissen.

    Wie es mir gefallen hat:

     

    Ein Farbenspektakel in jedem Sinne so könnte man diese Geschichte zusammenfassen. Sie ist bunt, voller pfiffiger Ideen und sowohl kind- als auch erwachsenengerecht. Mit einem Augenzwinkern werden manche „erwachsene" Verhaltensweisen aufs Korn genommen und eine Welt aus den Augen eines Kindes lebendig ausgemalt.

    Wichtige Themen wie Freundschaft, Zusammenhalt, Konfliktlösung und sogar sehr ernste Aspekte wie krankhafte Angst oder Trauerbewältigung finden Eingang ins Buch, ohne dass es zu viel wird oder künstlich eingebracht wirkt. Im Gegenteil, es herrscht ein sehr lebensbejahender und beschwingter Grundton, das Erzähltempo ist genau richtig, und der Spannungsbogen mit allen Nebensträngen ist sehr gut aufgebaut.

    Die Charaktere sind allesamt sehr liebenswert, größtenteils liebenswert-verrückt, um genau zu sein.
    Besonders angetan hat es mir Ella, die Elefantendame, die mit so viel Schwung und Elan mitmischt. Aber auch die Wimblis (einige, wie der weiseste von ihnen, ein ganz bestimmter Pinker oder ihr ehemaliger König, ganz besonders), Dr. Karotte und Fitz Fups selbst geben zusammen mit Phine und Graham ein tolles und vielseitiges Ensemble ab.

    Obwohl Teile der Auflösung so naheliegen, bin ich selbst im Dunkeln getappt und wurde von den Wendungen überrascht.
    Das Finale ist großartig und mündet in einem rundum gelungenen Ende, das keine Wünsche offenlässt.

    Lissa Evans hat hier wirklich alle wichtigen Zutaten für eine gute Geschichte perfekt aufeinander abgestimmt, die hoffentlich vielen anderen genauso schöne Schmöker- und/oder Vorlesestunden bescheren wird wie mir.

    (Für wen) Lohnt es sich?


    „Fitz Fups muss weg" ist sowohl zum Vorlesen als auch dem ersten Selberlesen sehr gut geeignet. Da es recht umfangreich und von der Handlung schon relativ komplex ist, passt die Altersempfehlung des Verlags ab 9 Jahren. Es wird jedoch an keiner Stelle düster, gruselig und/oder brutal, so dass das nur ein ungefährer Richtwert ist. Außerdem gibt es hinter diesen Buchdeckeln auch für Jugendliche und Erwachsene jeden Alters, die tiefgründige Geschichten in fantasievoller, etwas schrulliger Manier mögen, viel zu entdecken.

    In einem Satz:


    „Fitz Fups muss weg" ist eines dieser Kinderbücher, die eigentlich All-Age-Literatur sind und mit ihrer farbenfrohen, etwas abgedrehten und gleichzeitig so lebensnahen Art direkt ins Herz treffen.