Montag, 11. Januar 2016

Ein anderes Paradies - Chelsey Philpot

Rezension zu "Ein anderes Paradies"
von Chelsey Philpot

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Carlsen (27. November 2015)
ISBN-13: 978-3551583451
Originaltitel: Even in Paradise

Worum geht's?

 

Erst im Rückblick können wir auf die Momente, die uns geformt haben, zeigen wie auf eine Stadt auf einer Landkarte - auf die Momente, in denen wir uns für ein Ja oder ein Nein entschieden und dadurch bestimmt haben, wer wir wurden. (S. 183)
Als Charlotte auf dem Mädcheninternat die beliebte Julia Buchanan kennenlernt, verändert sich ihr Leben. Ihr alter Freundeskreis kann mit dieser sprühenden Freundin nicht mithalten. Durch Julia lernt sie eine ganz andere Welt kennen - die Welt der Buchanans mit ihrem großen Anwesen, ihrem Geld, ihrem Ansehen, ihren eleganten Partys. Sie verliebt sich in Sebastian, Julias Bruder, und eigentlich in ihre ganze Familie. Unbedingt will sie Teil davon sein, dazugehören. Doch auch die Buchanans haben ihre Geheimnisse, und Charlotte muss schnell lernen, dass Glück oft nur ein Trugbild ist ...

Was mich neugierig gemacht hat:


"Ein anderes Paradies" hat mich von der Thematik her sehr angesprochen. Was macht die Reichen und Schönen einer Gesellschaft so anziehend für alle anderen? Was sind die Versprechungen, für die die High Society steht? Kann ein so schillerndes Leben echt sein? Welche Sehnsüchte treiben Menschen dazu, einen Teil ihrer selbst aufzugeben - des Ruhmes und der Anerkennung willen?
Ich habe mir von diesem Buch eine gute Geschichte zu diesem Thema versprochen und bin für Romane mit dunklen Familiengeheimnissen immer zu haben.

Wie es mir gefallen hat:


Schon die Gestaltung der deutschen Version passt meiner Meinung nach hervorragend zur Atmosphäre der Geschichte. Die Pastelltöne und das dazu passende, mitgrüne Vorsatzpapier sowie das abgebildete Mädchen spiegeln sehr gut wider, in welche Welt Charlotte im Laufe der Geschichte gerät, mit welchen Hoffnungen sie sich dort Zugang sucht und wie sie das Ganze mehr als Traum denn als Realität erlebt. Auch in der Geschichte sind es eher die leisen Töne, die im Vordergrund stehen. Es ist eine der wenigen Ausnahmen, bei denen ich das Originalcover schwächer finde als die deutsche Variante.
Dafür hätte ich aber eine direkte Übersetzung des Titels, also etwas in Richtung "Selbst im Paradies"  treffender gefunden.

Der Prolog gibt bereits zu erkennen, dass es keine leichte, glückliche Geschichte ist, die den Leser erwartet, sondern eine, in der alles, was perfekt zu sein scheint, Risse bekommt. Der wunderbare, fast poetische Schreibstil hat mir hier auf Anhieb gut gefallen und passt wunderbar zum Charakter der Ich-Erzählerin.
Auch im weiteren Verlauf des Buches bleibt diese malerische Erzählweise erhalten und trägt sehr viel zu der zum einen träumerisch-schwärmerischen, zum anderen aber auch wehmütig bis melancholischen Stimmung bei.

 Die Luft hing voller Musik, lauter Stimmen und noch etwas, das ich nicht so recht zu fassen bekam - Glück, aber ein Glück, das auf der Kippe stand; Freude, die umso bedeutungsvoller war, weil sie nur flüchtig war. Es war eine Szene, die man von weitem einfangen musste, wenn man sie malen wollte, da die Farben immer mehr verschwammen, je näher man heranging. Es war wild und wunderbar. Erschreckend und elegant. (S. 159)
Der Plot ist einzigartig komponiert - jedes Puzzleteil findet seinen Platz. Nach jedem Kapitel gibt es eine zusätzliche kurze Szene, einen Zeitungsbericht, eine Erinnerung Charlottes und ähnliches, und alles fügt sich perfekt ins Geschehen ein. Das hat mich an diesem Buch wirklich beeindruckt.
Im Vordergrund stehen mehr Atmosphäre und Aussage und weniger Spannung und Überraschungen. So schlägt auch die Hauptauflösung nicht wie eine Bombe ein, sondern ist mehr wie ein Korken, der aus der Flasche schießt. Das hat mich persönlich aber nicht gestört, da die ruhige Art der Geschichte einfach etwas Einzigartiges an sich hat.

Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, ist das Ende das einzige, gegen das ich mich im Nachhinein noch ein wenig sträube. Das daraus resultierende Verständnis von Freundschaft finde ich schwierig und den Ausblick in Charlottes Zukunft nicht unbedingt realistisch.
Von diesem kleinen Kritikpunkt abgesehen war meine Reise ins "andere Paradies" aber ein bittersüßes und gerade dadurch intensives und großartiges Leseerlebnis.

(Für wen) Lohnt es sich?


An dieser Stelle kann ich auf jeden Fall eine Empfehlung aussprechen - für alle, die realistische, ruhige Jugendbücher mit Tiefgang mögen, in denen es nicht zum allumfassenden Happy End kommt.
Der Schreibstil ist vielleicht Geschmacksache; im Zweifel kann man vor dem Kauf ja in die Leseprobe hineinschnuppern, um ein Gefühl dafür zu bekommen.
Meine Alterseinschätzung wäre ca. ab 15/16 Jahren.
 

In einem Satz:


"Ein anderes Paradies" entführt den Leser mitten hinein in die Welt einer träumerischen, kunstbegabten Jugendlichen, die auf der Suche nach sich selbst erkennen muss, dass das, was man sich wünscht und was man darin sehen will, der Realität oft nicht standhalten kann - ein unglaublich gut geschriebenes und durchdachtes Buch, das zeigt, das selbst das nach außen hin perfekteste Leben seine Schattenseiten hat.

 


Mein Dank für das Rezensionsexemplar geht an

 

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